50 Jahre BVPA

Friedrich Rauch – Fotojournalist aus Leidenschaft und Gründer des BVPA

Ein ganz persönlicher Rückblick von Alice Rauch-Wendlinger

Mit der Gründung des BVPA 1970 legte mein Vater Friedrich Rauch nicht nur den Grundstein für eine Branche, die in den folgenden Jahrzehnten von wirtschaftlicher Attraktivität, Wachstum und technologischem Wandel geprägt war, sondern auch für eine Arbeitswelt, die mich mein ganzes Leben lang schon begleitet.

Wie es sich für die Fotowelt gehört, wurden die wichtigsten Meilensteine im Bestehen des BVPA natürlich im Bild festgehalten – viele Motive aus der Gründungszeit und den Anfangsjahren befinden sich heute in meiner privaten Sammlung.

Wie alles begann: Gründungsversammlung in München, Ende 1969.

Wie alles begann: Gründungsversammlung in München, Ende 1969.
Meine Mutter, Uta Rauch, damals Protokollführerin und hochschwanger. 

Mein Bruder Florian wurde am 12.12.1969 geboren und war das offizielle „Verbandskind“ und Maskottchen.

Brüder im Geiste: Gründungsmitglied und einer der besten Freunde meines Vaters und der Familie war Heinrich Hoffmann jr., damals Leiter des Bildarchivs Gruner & Jahr und Inhaber seines eigenen Archivs „Zeitgeschichtliches Bildarchiv Heinrich Hoffmann“.

 

Die ersten Jahre habe ich ja nur als Kind mitbekommen. Allerdings war mir schon früh klar, dass es in der Verbandswelt immer zwei Sichtweisen gibt: Die eigene, für die Agentur wichtige, und die übergeordnete, für die Verbandsarbeit und damit für alle in der Branche relevante. Meinem Vater war der zweite Blickwinkel immer extrem wichtig und er hat im Zweifelsfall seine eigenen Interessen hintenangestellt – auch wenn das aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht immer die beste Entscheidung war.

Bis weit in die 1980er Jahre hinein erhielt er kein Gehalt für seine Funktion als Geschäftsführer, maximal eine kleine Aufwandsentschädigung. Mein Bruder und ich wurden dabei oft in Sippenhaft genommen und unentgeltlich eingeplant für schöne Tätigkeiten wie Briefe eintüten, frankieren, Briefe zur Post bringen, Broschürenlieferungen verräumen, auspacken, verschicken und vieles mehr. Dass der innerfamiliäre Einsatz nicht immer optimal war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen – trotzdem wurde es nie in Frage gestellt, denn uns allen war klar, wie wichtig unserem Vater diese Arbeit war.

Im Sinne der Sache ging es auch weiter, als ich erwachsen war: Ich betreute den damals noch bestehenden BVPA Info Point Stand auf der Frankfurter Buchmesse. Nicht nur einen Tag, sondern die ganze Messe. Mädchen für alles, Kontakte zu den Kollegen herstellen, Kollegen zusammenbringen, Broschüren verkaufen, Kaffee kochen, Mülleimer leeren. Anstrengend, aber auch eine wichtige Zeit, um eigene Kontakte in der Branche zu knüpfen, die teilweise bis heute bestehen.

Die einzelnen Mitgliedsagenturen waren damals noch fast alle auf der Messe vertreten. Neben den üblichen Messetätigkeiten galt es auch, den ein oder anderen Streit zu schlichten. So hatte Wolfgang Hille (IFA Bilderteam) regelmäßig nach einem Modelshooting der Konkurrenzagentur Bavaria die gleichen Models gebucht und die Shootings nachgestellt. Das sorgte natürlich nicht gerade für gute Stimmung! Die offen ausgetragenen Auseinandersetzungen darüber benötigten oft einen Schlichter – eine Rolle, die Verband oder Geschäftsstelle heute doch deutlich seltener einnehmen müssen.

Die BVPA Geschäftsstelle war lange Zeit zur Untermiete in einem Raum des Büros von Interfoto in München. Friedrich Rauch wechselte ständig zwischen den beiden Büros, meist widmete er den Großteil seiner Arbeitszeit dem Verband. Und auch meine eigene Zeit war in diesen Jahren oft nicht der Agentur-, sondern der Verbandsarbeit gewidmet: Ich tippte von ihm diktierte Reden, Petitionen und Gutachten ab, redigierte Schriftsätze und diskutierte urheberrechtliche Auseinandersetzungen – und machte so letztlich seine Leidenschaft auch zu der meinen.

Heute denke ich, dass das Agieren über die eigenen Bedürfnisse hinaus das Wesen jeder sozialen, politischer oder eben verbandsseitigen Arbeit ausmacht – aber auch immer zu Lasten der eigenen Freizeit und des Familienlebens geht. Zu Zeiten, in denen der Begriff Work-Life-Balance noch nicht erfunden war und physische Anwesenheit fast immer unerlässlich war, war das eine besondere Herausforderung.

Friedrich Rauch mit Alfred Gerschel und Prof. Alfred Braun, für den BVPA auf dem International Council of the Authors of the Graphic and Plastic Arts and of Photographers, Berlin, September 1985

 

Friedrich Rauch mit Franz-Josef Strauß Neujahrsempfang für die Presse, München, 1981

 

Auch die BVPA-Jahresversammlungen waren immer Pflichttermine, viele habe ich auch mitorganisiert. Es war gar nicht immer so einfach, die starken Charaktere zusammen zu bringen und zu einem Konsens zu finden – und das war immer oberstes Ziel von Friedrich Rauch. So war es eine Zeit lang z.B. nicht möglich Versammlungen mit Anton Dentler (Bavaria) und Hans-Jörg Zwez (Mauritius Images) abzuhalten, weil der eine den Raum verließ, wenn der andere anwesend war. Ich habe viele lautstarke und handfeste Streits in den BVPA Versammlungen erlebt, da ging es oft richtig hoch her. Obwohl man sich das heute gar nicht mehr vorstellen kann, hat es immer auch etwas Positives und langfristig sehr Verbindendes gehabt: Kein Streit war so schlimm, als dass man am Abend nicht noch ein Bier zusammen an der Bar hätte trinken können. Mir sind viele schöne Abende mit Hans-Jörg Zwez (Mauritius), Eric Bach (Superbild), Wolfgang Hille (IFA-Bilderteam), Marie-Luise und Justus Göpel (akg), Heinrich Hoffmann (Zeitgeschichtliches Bildarchiv Heinrich Hoffmann), Roland Klemig (bpk), Helga Lade (Helga Lade Bildarchiv) und vielen anderen in Erinnerung.

Friedrich Rauch mit Roland Klemig (bpk) auf einer Mitgliederversammlung im Hotel Vier Jahreszeiten, München, 1980er Jahre

 

In unserem privaten Wochenendhaus, einem Bauernhof in Oberbayern, haben wir sogar einmal ein Sommerfest für den ganzen BVPA organisiert. Mit Blasmusik und allem drum und dran. Das war ein Riesenfest und damals auch für meine Mutter ein ordentliches Stück Arbeit. Fotos davon zeige ich lieber nicht – ich bin mir nicht sicher, ob die Abgebildeten damit einverstanden wären – ganz abgesehen von den neuen Bestimmungen der DGSVO 🙂

So etwas fehlt mir heute ehrlicherweise. Ich bin fest davon überzeugt, dass zusammen Feiern bzw. gesellig Zusammensein die Grundlage für ein gutes Miteinander ist. Sich gegenseitig in den Rücken zu fallen obwohl man eigentlich gemeinsame Ziele verfolgt, wird nach einem gemeinsamen netten Abend doch deutlich schwieriger.

Karikatur von Friedrich Rauch, 1982

 

Die 1980er Jahre waren der Beginn eines großen Wandels: Durch den Kontakt von Thomas Schumann mit Konrad Dienst wurde die Idee der ersten Softwarelösung für Bildagenturen an Friedrich Rauch herangetragen. Ich kann mich noch sehr gut an die Euphorie erinnern, die das damals bei uns ausgelöst hat: In diesen frühen Jahren ausgerechnet schon eine auf Bildagenturen zugeschnittene Softwarelösung zu entwickeln, das war einfach unglaublich fortschrittlich! Friedrich Rauch hat das Projekt durch den BVPA gefördert und vorangetrieben. Die Zusammenarbeit mit dem damaligen Programmierer und Inhaber von d&d, Konrad Dienst, war nicht einfach und erforderte sehr viel Geduld. Konrad Dienst ging bei uns ein und aus, es wurde viel diskutiert, entwickelt und geplant. Zeitweise klingelten unsere Agentur-Telefone ständig, weil Kollegen und Mitarbeiter von d&d auf der Suche nach ihrem verschollenen Chef waren. Verrückte Zeiten! Was daraus wurde? Das fortschrittliche Denken erwies sich als zukunftsfähig, die damalige IT-Firma ging 2001 in die  picturemaxx AG über.

Der erste Wang Computer bei INTERFOTO – im Hintergrund noch das alte Telex Gerät, 1983

 

Pionierzeiten sind nicht immer nur erfreulich – oft kämpften wir mit der neuen Technik. Mein Vater zeichnete diese Karikatur als Geschenk für Herrn Dienst, 1985.

1988 zog die Geschäftsstelle mit dem neuen Vorsitzenden Manfred Streubel von Ullstein Bilderdienst nach Berlin. Es gab einen neuen Geschäftsführer, Bernd Weise. Friedrich Rauch war dem Verband bis zu seinem Tod 1993 eng verbunden. Ich hatte irgendwann sogar eine eigene Telefonleitung schalten lassen, damit die Beratungsleistungen, die er ständig und meist unentgeltlich für alle KollegInnen immer noch erbrachte, wenigstens nicht auf Kosten verpasster Kundenanrufe für die eigene Agentur gingen.

Ich selbst war dann in den 90er Jahren stellvertretende MFM-Vorsitzende und danach auch einige Zeit im Vorstand. Aus diesem Amt bin ich 1996 zurückgetreten, da ich damals in den verkrusteten Strukturen mit neuen Ideen nicht weitergekommen bin. Sicherlich hat da noch viel jugendlicher Elan eine Rolle gespielt, der mich vielleicht etwas zu ungeduldig für die Verbandsmühlen gemacht hat. Ich wollte viel verändern und ich hatte – nicht zuletzt durch die familiäre Prägung – uneigennützige Ziele im Visier, die der ganzen Branche etwas bringen sollten. In diese Denke konnte sich die damalige Verbandsführung nicht mehr hineinversetzen.

In den Jahren danach war ich dem BVPA eng verbunden. Ich glaube, ich war auf jeder Mitgliederversammlung, habe mitdiskutiert und gefühlt endlose Debatten über Satzungsänderungen über mich ergehen lassen, an MFM-Sitzungen über unsere Honorarstrukturen mitgearbeitet und versucht mich einzubringen, wo das gewünscht war. 2016 ist Interfoto dann aus dem BVPA ausgetreten – hauptsächlich, weil inhaltliche Themen nach meinem Empfinden und meinem persönlich Gelernten und Erlebten eine zu geringe Rolle in der täglichen Verbandsarbeit spielten.

Das Zusammenbringen von verschiedensten KollegInnen, Kunden und Dienstleistern ist mir trotzdem nach wie vor schon fast ein Grundbedürfnis. Wir machen das in den letzten Jahren z.B. in Form von unseren regelmäßigen After Work Partys. Das ist zwar nicht ganz das Gleiche, wie im ehemaligen Kuhstall mit Blasmusik, aber ich bin überzeugt, dass es dennoch eine immer gute und interessante Veranstaltung ist. Bei uns herrscht auch im Agenturbetrieb immer Offenheit und Austausch – bei den bislang 20 After Works, die wir schon organisiert haben, wird das auch für alle Gäste und Kollegen spürbar.

Rückblickend denke ich, dass es die richtige Idee meines Vaters war, den BVPA zu gründen. Er hat essentielle Rahmenbedingungen wie AGBs, Bearbeitungsgebühren oder Archivwertstellungen entwickelt und etabliert. Allein die Entwicklung von allgemein gültigen Honorarstrukturen sicherte uns und allen KollegInnen in den letzten Jahrzehnten das Überleben und formte aus Einzelkämpfern eine Branche. Auch wenn man meint, das alles nicht mehr zu benötigen, könnten wir heute unserem Geschäftsmodell der Bildlizenzierung nicht in dieser Form nachgehen, wenn das alles nicht stattgefunden hätte.

Der BVPA hat sich seit einigen Jahren neu aufgestellt und neue Ziele gesteckt. Ob es die richtigen Weichenstellungen waren, werden wir vielleicht erst im Rückblick zum 60. Jubiläum wissen. Ich wünsche dem Verband jedenfalls alles Gute.

Mein Bruder ist gerade auch 50 geworden. HAPPY BIRTHDAY!

 

 

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6 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Cornelia Hegele-Raih
    16. Januar 2020 22:24

    Dein Vater war ein beeindruckender Mann. Und Du eine eindrucksvolle junge Dame mit Führungsqualitäten. Ich bin sehr dankbar, dass ich einige Monate bei Interfoto verbringen durfte. Es war sehr lehrreich. 😍👍❤

    Antworten
  • Katharina Doerk
    15. Januar 2020 17:28

    Hallo Alice, wie wunderbar! Als noch eine “Agenturtochter” habe ich so viel aus Deinen Erzählungen am eigenen Leib erlebt! Telex-Gerät (tolles Konfetti), Konrad Dienst (4 Stunden von München nach Hamburg im Mercedes, na logo), laute Querelen unter den Männern der 70er Jahre (keine Details…) – wundervoll!
    Ganz lieben Dank für diesen tollen Beitrag und bis hoffentlich bald 🙂 Viele Grüße von Katharina

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  • Vielen Dank für den interessanten und persönlichen Einblick!

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  • Danke Alice… schade, dass ich Deinen Vater nicht mehr kennenlernen durfte, aber sehr beeindruckend die BVPA Historie.. …und für mich als Ex-IFA-Nr nett zu lesen, dass ein Wolfgang H. und ein Anton D. sich wohl schon immer gekabbelt haben- sich aber trotzdem letztendlich geschätzt u auch irgendwie gemocht hatten…Grüsse nach Muc !!

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